Abenteuer Pflegehund Tag 6

Und weiter geht es mit unserem Tagebuch:

Die Nacht war ruhig, ich glaube, mitlerweile schläft Briciola durch. Die normalen Alltagsdinge funktionieren immer besser: In den Garten und zurück ins Haus laufen, Gassi gehen, Fressen, Trinken, sich frei im Haus bewegen usw… Schwieriger ist das Aussteigen aus dem Auto: Briciolas Devise ist immer: „Hier bin ich sicher, warum sollte ich mich bewegen?“ Gerne versteckt sie sich dann auch hinter „ihrem“ Schlappi, den sie über alles liebt. Nach dem Bouldern am Fels besuchten wir noch kurz die Freunde, die gestern abend bei uns waren. Briciola bewegte sich dort nicht mehr als nötig, nahm aber ein paar Wurststückchen und verfiel auch nicht in Panik. Auf dem Rückweg schauten wir dann noch kurz beim Fressnapf rein, denn dort gibt es eine Waage: 13,5 kg! Das Wiegen war erstaunlicherweise kein Problem, und anschliessend entschied sie von sich aus, dass man ja auch noch den Fressnapf erkunden könnte. Zuhause gab es dann noch eine Runde Garten und anschliessend ging es rein zum Fressen.

Im Moment versuchen wir, Briciola in Maßen mit neuen Reizen zu konfrontieren, sie dabei aber nicht zu überfordern, und ihr viel Zeit zum Verarbeiten der neuen Eindrücke zu geben. Im Endeffekt erinnert das an die Habituation und Sozialisation beim Welpen, nur dass wir vielleicht noch ein bischen sensibler beobachten, wie sie sich gerade fühlt.

Das zweite Standbein unserer „Therapie“ ist klare Führung. Ich versuche mir vorher zu überlegen, was ich für richtig halte und warum, und zeige ihr dann klar den Weg. Und Briciola nimmt das meistens auch dankbar an. (Nur wenn ich mir in dem, was ich tue, sicher bin, kann ich jemand anderen führen!)

Ausserdem ist mir wichtig, dass sie möglichst wenig in alte Verhaltensmuster verfällt. Wenn sie sich zum Beispiel verkrümmeln will, wenn wir raus gehen wollen, bleibe ich standhaft, bis sie mit kommt.

Einen ganz grossen Anteil an ihren Fortschritten haben sicher Schlappi und Lina. Soziales Lernen wird bei Hunden manchmal unterschätzt, aber wenn ich sehe, wie intensiv sie die beiden anderen beobachtet und nachahmt, wird klar, welch grosse Rolle es spielt. Soziales Lernen umfasst Lernen durch Stimmungsübertragung, Nachahmung und Erkenntnis.

Zuletzt kann man einem ängstlichen Hund auch durch individuell auf ihn abgestimmte Rücksichtnahme helfen. Beim Gassi gehen zum Beispiel geht jetzt Rainer mit Lina immer vorraus und ich mit den beiden anderen hinterher. Ich weiss noch nicht genau warum, aber Briciola fällt der Spaziergang so viel leichter.

Mein Fazit nach sechs Tagen ist, dass es extrem wichtig ist, den ängstlichen Hund gut zu beobachten und sein Ausdrucksverhalten auch lesen zu können, damit man das richtige Vorgehen zwischen Fordern und Überfordern findet. Ausserdem sind Schlappi als souveräner, liebevoller und grossherziger Hund und Lina als unbefangene, fröhliche und selbstbewusste Hündin Gold wert!

Seid ihr gespannt, wie es weiter geht?