Hund mit Biss

Immer wieder hört man die gleiche Geschichte: Euphorisch wird ein Hund aus dem Tierheim oder Tierschutz gerettet oder ein Welpe angeschafft, und dann passiert es:

DER HUND BEISST!

Panik, Entäuschung, Vertrauensverlust, Angst und Unsicherheit auf Seiten der Menschen sind oft die Folge: „Hilfe, ich habe einen PROBLEMHUND!“ „Wir müssen den Hund sofort wieder ZURÜCK GEBEN!“ „Der ist GEFÄHRLICH!“

Und dann passiert es: Der Hund landet wieder im Tierheim, im Tierschutz oder beim Züchter und muss auf eine zweite Chance auf seine Familie hoffen.

Zum Glück gibt es aber auch Menschen, die sich dann Hilfe bei einem guten Trainer suchen, und dann beginnt zunächst einmal die Analyse des „Vorfalls“:

  • Was genau ist passiert?
  • Wie genau sah der Biss aus? ( Einteilung nach der Beißgradtabelle nach James O´Heare, Das Aggressionsverhalten des Hundes, Animal Learn Verlag 2003)
  • Wie war der situative Kontext?
  • Welche Personen waren beteiligt?
  • Wie war die Verfassung des Hundes?
  • Wie war die Kommunikation des Hundes vor, während und nach dem Vorfall?
  • Wie sieht die Vorgeschichte des Hundes aus? Was ist bekannt und was nicht?
  • Gab es zuvor ähnliche Vorfälle?
  • Gibt es genetische Veranlagungen?
  • Gibt es gesundheitliche Probleme?
  • Waren Ressourcen im Spiel?
  • Wie wurde Verhalten durch den Besitzer beeinflusst/ verstärkt? etc.

„Beissen“ kommt bei Hunden in verschiedenen Funktionskreisen vor:

  1. Stoffwechselbedingtes Verhalten, hier im Beutefangverhalten und bei der Nahrungszerkleinerung
  2. Aggressionsverhalten
  3. Spielverhalten und Spielaufforderung (hier werden Sequenzen aus allen Funktionsbereichen ohne Ernstbezug geübt)
  4. Soziopositives Verhalten („Beknabbern“)

Beutefangverhalten:

Findet der Beissvorfall ohne jede (agonistische) Kommunikation mit dem Gebissenen (vorzugsweise Kind oder Tier) statt, liegt die Ursache häufig in diesem Funktionskreis. Allerdings kommt es auch nicht selten vor, dass Besitzer nur nicht geschult in der Beurteilung der hündischen Körpersprache sind oder der Hund gelernt hat, Eskalationsstufen zu überspringen. Inadäquates Beutefangverhalten (, das z.B. auf Menschen bezogen ist,) und insbesondere die Sequenzen des Packens und Tötens werden zuvor häufig durch Beutespiele, bei denen der Hund in hoher Erregungslage lernt, die Spielbeute zu packen und zu schütteln, verstärkt. Die schlimmste Konsequenz sind dann tödlich endende Vorfälle, in denen z.B. weglaufende Kinder oder andere Hunde gepackt und getötet werden. Auch Hütehunde sind hier besonders anfällig, ist doch Hüteverhalten nichts anderes als ein auf bestimmte Sequenzen beschränktes Beutefangverhalten. Beissvorfälle in diesem Kontext sind sehr ernst zu nehmen. Es ist immer sinnvoll, einen Trainer zu kontaktieren und das Verhalten auf jeden Fall nicht durch unbedachte Spiele weiter zu verstärkern.

Aggressionsverhalten:

Hunde sind grundsätzlich immer bemüht, Konflikte friedlich zu lösen. Sie sind sich der Bedeutung ihrer sozialen Gruppe bewusst und ihr oberstes Ziel ist stets ein gutes Gruppenklima. Aggressionsverhalten ist Kommunikation und dient der Wiederherstellung der äusseren Allostase. Als Ursachen kommen in Frage:

  • Angst um Leben und Gesundheit
  • hormonell: Verteidigung der Welpen
  • hormonell, kompetitiv: sexuell motiviert
  • kompetitiv: Status im Rudel
  • Erziehung von Welpen
  • territorial bedingt
  • Ressourcenverteidigung
  • Frustration
  • Gesundheitszustand, grössere Individualdistanz, Angst vor Schmerzen, hormonell
  • idiopathisch

Ob es dann wirklich auch zu einem Beissvorfall kommt, hängt von der genetischen Veranlagung des Hundes, seinen Lernerfahrungen, seinem physischen und psychischen Zustand (Hormone, Zyklusstand, Gesundheit, Stress/Angst) und der individuellen Situation (Prioritäten, Fluchtmöglichkeiten) ab. Normalerweise gehen dem Beissen viele Eskalationsschritte von Beschwichtigung über Erstarren und Warnen vorraus. Wie lange und intensiv diese gezeigt werden, ist allerdings sehr unterschiedlich.

Findet ein Beissvorfall im Rahmen von Aggressionsverhalten statt, ist die erste Massnahme in der Situation stets die Deeskalation. Danach muss eine Analyse der Situation stattfinden, denn nur über diese kommt man zu einem guten zukünftigen Management und einem sinnvollen Training.

Ein häufiges Beispiel ist hier die Verteidigung von Futter als Ressource. In einem Rudel hat jeder Hund, egal wo er sich in die Rangordnung einordnet, das Recht auf das Futter in einem bestimmten Umkreis um seine Nase. Manche Menschen gehen immer noch fälschlicherweise davon aus, dass ein Hund, der sie als Ranghöheren akzeptiert, sich sein Futter wegnehmen lassen müsse. Und noch fataler ist, sie gehen davon aus, dass sie ihre eigene Dominanz gegenüber dem Hund durch das Wegnehmen von Futter festigen könnten. Natürlich werden dann Beschwichtigungsversuche und Warnungen des Hundes ignoriert, so dass der Vierbeiner letztlich (je nach Temperament, s.o.) zu seinem letzten Mittel greift und zubeißt. Und dann ist das Geschrei groß: „Der PROBLEMHUND muss WEG!“ Dabei hat sich der Mensch in seiner grenzenlosen Unkenntnis, Ignoranz und Arroganz komplett daneben benommen – aus Hundesicht ein echter PROBLEMMENSCH!

( Anmerkung: Um Missverständnissen vorzubeugen: Auch ich finde es wichtig, meinen Hunden im Notfall Futter sogar noch aus dem Maul nehmen zu können, aber zu diesem Ziel führt ein völlig anderer Weg!)

Spielverhalten:

Wie oben erwähnt wird im Spiel sowohl Beutefangverhalten als auch Aggressionsverhalten geübt. Hierbei wird normalerweise schon im Welpenalter durch Mutter und Geschwister eine Beisshemmung gelernt. Bei der Übernahme eines Welpen ist es dann Aufgabe der neuen Besitzer, diese im Sozialspiel mit ihrem Hund auch Menschen gegenüber einzuüben. Übernimmt man einen Hund aus dem Tierschutz, kann es sein, dass er einfach nur diese Beisshemmung nicht oder nicht ausreichend gelernt hat. Auch eine hohe Erregungslage kann dazu führen, dass das Beissen nicht so gehemmt stattfindet wie gewöhnlich. Zu bemerken ist dies dann oft auch beim Entgegennehmen von Futter. In diesem Fall ist das Problem natürlich sehr leicht zu beheben.

Wenn ihr mehr zu diesem Thema wissen wollt, interessiert euch vielleicht die Fortbildung: Aggression, Jagen oder Spielen oder Konfliktverhalten.

Gerne stehe ich euch für ein Einzeltraining zur Verfügung.

Für Tierheim- und Tierschutzhunde besteht das Angebot einer Beratung oder Trainingsstunde gegen eine Spende an ein Tierheim oder eine Tierschutzorganisation eurer Wahl.

Für Pflegestellen, die ehrenamtlich Tierschutzhunde betreuen, biete ich auch eine kostenlose Beratung an.

Es würde mich freuen, wenn auf diesem Weg einem Hund ein erneuter Wechsel des Zuhauses erspart bliebe!