…, was der Sachkundenachweis für die Begleithundeprüfung ist? (eine kritische Betrachtung)

Zumindest für den VDH gilt: Bevor ein Hundeführer mit seinem Hund eine Begleithundeprüfung ablegen darf, muss er selber einen Sachkundenachweis erbringen. Aber keine Angst, dabei handelt es sich lediglich um einen Multiple Choice Test, alle Fragen, die vorkommen können, sind inklusive der (angeblich) richtigen Antworten z.B. auf den Seiten des BLVs und des DVGs einsehbar.

Das wiederum ist eigentlich schade, denn so lernen die meisten Aspiranten lediglich Fragen und Antworten auswendig. Eine verpflichtende, theoretische Ausbildung, in der Grundlagen der Körpersprache des Hundes, richtiges Verhalten des Teams im Alltag und im Training, medizinisches Basiswissen und rechtlich Relevantes wie z.B. die Tierschutz-Hundeverordnung wirklich durchgesprochen werden würden, wäre sicher weitaus sinnvoller!

Wirklich kritisch sehe ich allerdings, dass die angeblich „richtigen“ Antworten, häufig falsch, fragwürdig, umstritten oder nur in einem ganz bestimmten Kontext richtig sind. So kann der Sachkundenachweis im schlimmsten Fall dazu führen, dass der Hundehalter falsche Entscheidungen trifft, die sogar zum Schaden seines Hundes sein können!

Im Folgenden beziehe ich mich auf die Fragensammlung, wie sie auf der Seite des BLVs (Bayerischer Landesverband für Hundesport) unter Downloads-Hundesport-BH-Fragen Sachkundenachweis 05/19 zu finden sind.

  • Frage A7: Die Aussage: Rhodesien Ridgebacks benutzen ihre aufgestellten Rückenhaare nicht als Verständigungsmittel.
  • Richtig wäre: Tatsächlich wird der rassetypische Ridge natürlich nicht zur Verständigung genutzt. Die übrigen Rückenhaare können aber durchaus aufgestellt werden und dienen dann auch als Verständigungsmittel.
  • Nimmt man diese Frage wörtlich und ignoriert generell aufgestellte Rückenhaare eines Ridgebacks, kann das fatale bis tödliche Folgen haben!
  • Frage A8: Sie haben einen kleinen Hund. Ein grosser Hund kommt ihnen entgegen…
  • Bei dieser Frage wird nur eine Handlungsoption als richtig gewertet. Dies ist ganz klar falsch. Hier sind unendlich viele Konstellation in der Stimmung, der gesundheitlichen Verfassung, der Kontrollierbarkeit der Hunde uvm. vorstellbar, die jeweils zu völlig verschiedenen „richtigen“ Lösungen führen bis hin zum Hochnehmen des kleineren Hundes.
  • Ein Beherzigen der vorgegebenen „richtigen“ Verhaltensweise kann den kleineren Hund im schlimmsten Fall sein Leben kosten!
  • Frage A10: Mal abgesehen davon, dass es auch für den Fall von miteinander kämpfenden Hunden kein Kochrezept gibt, ist die Aussage: „Hunde regeln es normalerweise untereinander.“ wahnsinnig gefährlich!
  • Frage A15: Wie sollten sie einen ängstlichen Hund beruhigen?
  • Richtig soll sein: Durch Nichtbeachten und nach dem Abstellen (was auch immer das sein soll?) loben.
  • Dieses Vorgehen ist falsch und ein echter Bindungskiller. Gerade in Situationen, in denen der Hund wirklich ängstlich ist, ist der Bindungspartner für Social Support, (falls gewünscht) Körperkontakt, souveräne Führung, Motivation und positive Stimmungsübertragung zuständig!
  • A17: Eine seriöse Fragestellung würde hier zunächst einmal die Definition von „überaggressivem Verhalten“ erfordern. Ganz davon abgesehen lässt sich z.B. eine inadäquat gesteigert Neigung zu aggressivem Verhalten, die durch Krankheit ausgelöst ist, ganz sicher nicht durch Training kontrollieren.
  • A21: Hier soll Beuteverhalten wohl Beutefangverhalten bedeuten, oder?
  • A29: Ob Sitz, Platz und Steh wirklich wichtige Grundkommandos für JEDEN Hund sind, darüber lässt sich sicher streiten! Wirklich wichtig für JEDEN Hund finde ich „nur“ ein Abbruch-, Stop-, Bleib- und Rückrufsignal.
  • A30: Wenn der Hund hereinkommende Gäste anknurrt, ist auch hier die angeblich „richtige“ Antwort, seinen Hund mit einem deutlichen Hörzeichen auf seinen Platz zu schicken, NICHT IMMER richtig!
  • Hier merkt man, dass die Autoren sicherlich keine Erfahrung mit traumatisierten, ängstlichen Hunden aus dem Tierschutz haben, die lernen müssen, dass sie nicht von jedem Menschen geschlagen werden.
  • B2: Die für Habituation und Sozialisation als optimal beschriebene Altersspanne weicht leicht von der nach neuen Erkenntnissen z.B. im Handbuch für Hundetrainer beschriebenen Spanne ab.
  • B3: Die hier als richtig angegebene Antwort, dass Welpen in der 8. Lebenswoche abgegeben werden dürfen ist FALSCH! In der Tierschutz-Hundeverordnung steht „im Alter von über 8 Wochen“, das heisst also frühestens in der 9. Woche, dürfen Welpen von Mutter und Geschwistern getrennt werden.
  • C6: Die Voraussetzungen, unter denen ein Jäger einen Hund erschiessen darf, varieren nach Bundesland. Im Falle des BLVs fehlt hier in der Fragestellung zumindest der Zusatz „in Bayern“ um fatale Missverständnisse in Beziehung auf andere Bundesländern zu vermeiden.
  • C8: Die Aussagen zur Anleinpflicht stimmen nicht. Auch im Wald und in der Stadt besteht keine generelle Anleinpflicht. Hier gibt es abhängig vom Bundesland und von den Gemeinden verschiedene Regelungen.
  • Immerhin führt diese Fehlinformation nicht zu gefährlichen Situationen!
  • D10: Die Behauptung, Hunde würden nicht über einen Gerechtigkeitssinn verfügen, ist so nicht haltbar.
  • Hier kann man den Autoren der Frage nur das Buch „Hundeforschung aktuell“ von Gansloßer und Kitchenham (S.88 ff) empfehlen!
  • D11: Auch hier ist die Antwort auf die Frage „Hohe Reizschwelle bedeutet…, der Hund reagiert schnell/ sehr ausgeglichen/ nicht.“ zumindest ungenau bis falsch.
  • Eine (im Vergleich mit anderen Individuen) hohe Reizschwelle bedeutet, dass der Reiz bei diesem Individuum überdurchschnittlich hoch sein muss, um eine entsprechende Reizantwort zu erzeugen.

Mein Fazit ist: Eigentlich müssten diese Fragen ganz dringend überarbeitet werden! Solange bleibt den Aspiranten nur die eigene kritische Auseinandersetzung mit diesen und das Auswendiglernen der angeblich richtigen Antworten zum Bestehen des Sachkundenachweises. Eigentlich traurig…