Beutefangverhalten

( oder auch JAGDVERHALTEN )

Was ist Beutefangverhalten?

Beutefangverhalten ist kein Problemverhalten sondern hundliches Normalverhalten!

Wissenschaftlich gehört Jagen zum stoffwechselbedingten Verhalten, dient also der Selbsterhaltung.

Wer sich entschliesst, sein Leben mit einem Hund zu teilen, entscheidet sich bewusst für einen jagenden Freund. Wer damit nicht leben kann, sollte besser zum Stoffhund in der Spielwarenabteilung greifen.

Allerdings ist die Motivation, Beutefangverhalten zu zeigen, nicht bei allen Hunden gleich gross und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch rasseabhängig, also genetisch bedingt. Auch bis zu einem gewissen Grad rassetypisch ist die verstärkte oder verminderte Neigung zu einzelnen Sequenzen des Beutefangverhaltens. So ist auch das Hüteverhalten von Herden-, Koppelgebrauchs- oder Treibhunden Beutefangverhalten.

Hinzu kommt, dass Beutefangverhalten selbstbelohnend ist. Im Körper werden Botenstoffe ausgeschüttet, die dazu führen, dass sich der Hund gut fühlt, sie wirken also wie eine Belohnung und motivieren ihn, dass Verhalten wieder zu zeigen. (Dass wir durch Belohnung die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt, erhöhen können, wissen wir alle aus dem täglichen Training.) Schliesslich sollte ein Wolf immer Lust auf die Jagd haben, unabhängig vom Hungergefühl und auch vielen frustranen Versuchen zum Trotz.

Nicht nur die für das Jagen notwendigen Techniken werden durch Lernerfahrungen optimiert, mit zunehmender Jagderfahrung steigt die Neigung dazu, dieses Verhalten zu zeigen.

(Ein Exkurs, den ich mir nicht verkneifen kann: Diese Erkenntnis widerspricht der im Hundesport immer noch weit verbreiteten Trieb-(stau-)theorie von Konrad Lorenz. Denn sowohl beim Beutefangverhalten als auch beim Aggressions- und Sexualverhalten gilt: Wurde das Verhalten gezeigt, besteht für eine gewisse Zeit eine höhere Bereitschaft, das gleiche Verhalten erneut zu zeigen. Wurde das Verhalten über eine längere Zeit nicht gezeigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es gezeigt wird. Das alte Argument für den Schutzhundesport, dass durch diesen einem Triebstau im Bezug auf einen (erfundenen) Aggressions- und Beutetrieb vorgebeugt werden könne, ist also klar widerlegt.)

Ausserdem sollte man sich immer bewusst sein, dass Beutefangverhalten bei einem heranwachsenden Hund ganz plötzlich zum ersten Mal und dann auch sofort mit höchster Motivation auftreten kann, auch wenn er vorher nie ernsthafte Tendenzen dazu gezeigt hat.

Beutefangverhalten ist kein Aggressionsverhalten:

Aggressionsverhalten ist Sozialverhalten und dient der Kommunikation. Dies sollte man stets im Umgang mit dem Hund beachten: Das im Nacken Greifen und Schütteln eines Tieres z.B ist Teil des Beutefangverhaltens und dient dem Töten der Beute. Es sollte niemals zu Erziehungszwecken angewandt werden, da es für den Hund nicht Teil der Kommunikation und somit unverständlich, verstörend und Vertrauen zerstörend ist. Andersherum hat ein Hund, der ein quietschendes Kleinkind jagt und in den Kopf beißt, kein Problem mit unangemessenem Aggressionsverhalten sondern mit unkontrolliertem Beutefangverhalten, häufig bedingt durch schlechte Sozialisierung bezogen auf Kinder oder durch Beutefangspiele in hoher Erregungslage mit abschliessendem Schütteln und Reißen.

Aufbau des Beutefangverhaltens:

Beutefangverhalten ist eigentlich nicht ein Gesamtverhalten, sondern eine Aneinanderreihung verschiedener Verhaltenssequenzen. Wichtig ist zu wissen, dass je nach Situation und Hund auf jeder Stufe in das Beutefangverhalten eingestiegen werden kann oder auch Sequenzen fehlen können.

  1. Ungerichtetes Suchen (Dies beginnt schon mit dem Schnüffeln vor der Haustür, in soweit nach der olfaktorischen Spur eines Beutetieres gesucht wird.)
  2. Orten (Das Schnüffeln wird intensiver und gerichtet oder die Witterung wird mit hoher Nase aufgenommen.)

Die Sequenzen 1 und 2 werden sehr ausdauernd und immer wieder gezeigt. Diese Frustrationstoleranz ist notwendig, da die ersten Sequenzen häufig zu keinem Jagderfolg führen.

Spätestens bei der Sequenz des Ortens muss der Hundeführer reagieren. Beim Übergang zu Sequenz 3 (Verfolgen) steigt die Erregungslage des Hundes so extrem an, dass er sich wie ein Leistungssportler im „Tunnel“ befindet. Seine Wahrnehmung ist komplett auf die Beute fokussiert, er hört und sieht sonst fast nichts mehr, und auch sein Schmerzempfinden ist stark reduziert.

  1. Verfolgen
  2. Fixieren
  3. Anpirschen
  4. Auswählen
  5. Abtrennen
  6. Hetzen
  7. Stellen
  8. Packen
  9. Töten (Schütteln)
  10. Tragen
  11. Fressen (Reißen)

Die verschiedenen Sequenzen sind zum Teil sogar auf unterschiedlichen Genen kodiert. Deshalb ist es auch möglich, durch züchterische Selektion bestimmte Teile des Beutefangverhaltens zu verstärken, abzuschwächen oder auch ganz heraus zu züchten.

Dies wiederum erklärt die rassetypischen und individuellen…

Unterschiede im Beutefangverhalten:

Üblich ist die Kategorisierung der Hunde nach Jagdleidenschaft:

1. Jagdlich ambitionierter Hund – läuft hinterher bis eine gewisse Distanz wieder überschritten ist und kommt dann sofort wieder zurück, bietet von außen betrachtet eher das Bild des „Verjagens“.

2. Jagdlich motivierter Hund – läuft motivierter und länger hinterher, weil Jagen Spaß macht, er schon Erfahrungen mit dem beglückenden Gefühl gemacht hat, dreht aber auch zeitnah ab und kommt zurück.

3. Jagdlich passionierter Hund – jagt ständig und gezielt, ist ernsthaft daran interessiert und auch geschickt darin erfolgreich zu sein!

Hunde wurden für verschiedene Verwendungszwecke gezüchtet und können dem entsprechend unterschiedlichen „Arbeitsgruppen“ zugeordnet werden, die eine typische Ausprägungsverteilung der Sequenzen des Beutefangverhaltens aufweisen. Diese Kategorisierung nach „Arbeitsgruppen“ sei hier dargestellt:

  1. Herdenschutzhunde: Jagdverhalten ist nicht erwünscht. Auf die zu schützenden Herdentiere werden diese Hunde früh sozialisiert, aber auch während des Bewachens der Herde ist es nicht gewünscht, das der Herdenschutzhund „mal eben“ jagen geht. (Bsp. Maremmano)
  2. Treibhunde: Die Sequenzen Hetzen und Packen dominieren. (Bsp. Bouvier des Flandres, Rottweiler, Corgi)
  3. Herdengebrauchshunde: Sie arbeiten außen um die Herde herum. Hetzen, Stellen und Packen dominieren. (Bsp. Collie, Schäferhunde)
  4. Koppelgebrauchshunde: Sie bewegen die Herde aus großer Distanz und arbeiten auch innerhalb der Herde. Fixieren, Anpirschen, Auswählen, Abtrennen, Hetzen (, Packen) werden gezeigt. (Bekanntestes Bsp. ist der Border Collie, der häufig durch sein Fixieren und Anpirschen auch andere Hunde irritiert und dazu neigt, in hoher Erregungslage atypische Objekte zu hüten/jagen wie Fahrradfahrer, Autos und Kinder.)
  5. Laufhunde/Bracken: Sie arbeiten selbstständig, beharrlich, über lange Zeit und weite Strecken, in gemäßigter Geschwindigkeit, zeigen die ersten Stufen des Jagdverhaltens sehr intensiv (Fährtenjäger), verfügen über einen auch für Hunde außergewöhnlich guten Geruchssinn, hetzen das Wild nicht, sondern treiben es zurück zum Jäger (Brackieren), sind dabei spurlaut, arbeiten teilweise in der Meute. (Bsp. Segugio italiano, Ariegeois)
  6. Schweißhunde: Zeigen alle Sequenzen des Jagdverhaltens mit Schwerpunkt Suchen, Orten, Verfolgen (Fährtenjäger), werden für Schweiß-und Krankfährten verwendet.
  7. Vorstehhunde: Sie arbeiten eng mit dem Menschen zusammen, zeigen alle Sequenzen des Jagdverhaltens, verweisen den Fund durch „Vorstehen“ und apportieren dann nach dem Schuss. (Bsp. Setter, Münsterländer)
  8. Stöberhunde: Sie arbeiten mit tiefer Nase, eng mit dem Menschen zusammen und in seiner Nähe (Buschieren), zeigen alle Sequenzen des Jagens mit den Schwerpunkten: Suchen, Fixieren, Packen und Tragen, jagen spurlaut und lieben auch Wasser-und Schweißarbeit. (Bsp. Cocker Spaniel, Springer Spaniel)
  9. Apportierhunde: Der Schwerpunkt liegt auf Suchen, Orten, Packen und Tragen, arbeiten mit dem Jäger, lieben Wasser und Federwild (Bsp. Retriever)
  10. Wasserhunde: Arbeiten ähnlich wie die Apportierhunde nur mit stärkerer Spezialisierung auf die Wasserarbeit. (Bsp. Barbet)
  11. Terrier: Jagdhund des „Kleinen Mannes“, alle Sequenzen sind ausgeprägt, spezialisiert sind sie auf Mäuse und Ratten, um Haus und Hof „sauber“ zu halten, sind sehr schnell und konsequent beim Packen und Töten (Bsp. Jack Russel Terrier)
  12. Erd-/Bauhunde: Sie arbeiten ähnlich wie die Terrier – nur bevorzugt „unter Tage“ (Bsp. Dackel)
  13. Windhunde: Als Kurzstreckenläufer und Sichtjäger liegt der Schwerpunkt auf dem Orten, Hetzen, Packen und Töten der Beute, die ernsthaftesten, eigenwilligsten und auch ausdauerndsten Jäger unter ihnen sind die mediterranen Windhunde. (Bsp. Podenco, Galgo)
  14. Nordische Jagdhunde: Sie arbeiten ähnlich den Laufhunden/Bracken. (Bsp. Elchhund)
  15. Schlittenhunde: Sie jagen selbstständig und ernsthaft, betont sind Hetzen, Packen und Töten. (Bsp. Malamut, Husky)
  16. Hofhunde: Jagdleidenschaft ist traditionell nicht erwünscht und daher meist nur gering ausgeprägt. (Bsp. Spitz)
  17. Gesellschafts- und Begleithunde: Jagdleidenschaft ist nicht erwünscht und daher meist nur gering ausgeprägt. Dies gilt aber nicht für alle Vertreter dieser Gruppe. (Bsp. Malteser)

Besondere Fähigkeiten zum Jagen:

Riechen:

  • Riechleistung ca. 1 Millionen Mal besser als beim Menschen
  • Riechzellen: bis 220 Millionen (Mensch 5 Millionen)
  • Riechkolben bildet 10% des Gehirnvolumens
  • Gerichtetes Riechen über bewegliche Nasenlöcher
  • Schnüffeln (bis zu 300 Mal/Minute)
  • Spurrichtung über geringfügige Unterschiede im Spuralter
  • Riechvermögen mit dem 4. Lebensmonat voll ausgebildet

Sehen:

  • spezialisiert auf Dämmerungssehen (Licht reflektierende Schicht)
  • spezialisiert auf Bewegungssehen auch in grosser Entfernung
  • Gesichtsfeld bei langschnäuzigen Hunden ca. 240° Grad
  • Dichromaten (sehen kein Rot und Grün)

Hören:

  • hörbare Frequenz 16 Hz – 40.000 Hz (Mensch 16 Hz – 20.000 Hz)
  • hört Geräusche aus 4x größerer Entfernung als der Mensch
  • extrem feine Tonunterscheidung (1/8 Töne)

Fortbewegung:

  • Besonders der Trab ist eine sehr energiesparende Fortbewegungsart. Die Beine funktionieren wie umgekehrte Pendel, während der Rücken auf- und abschwingt. Er ist damit geeignet für Hunde, die über lange Zeit suchen und dann die Beute in Bewegung halten und zum Jäger hin treiben, wie Laufhunde/Bracken.
  • Der Galopp ist wesentlich unökonomischer und z.B. sinnvoll für Sichtjäger wie Windhunde, die wohl kurzfristig Geschwindigkeiten von 60 – 80 km/h erreichen können.
  • Auch der Körperbau der Hunde spiegelt ihre speziellen Fähigkeiten wie z.B. Wendigkeit (kompakt) oder aber Geschwindigkeit (langbeinig) wieder.

Unsere Hunde sind faszinierende Beutegreifer. Beutefangverhalten ist kein Problemverhalten, wir müssen es nur gesellschaftskompatibel in die richtigen Bahnen lenken!