Zwischen Motivation und Suchtverhalten

Sie liegen vor der ersten Hürde. Nein, eigentlich liegen sie nicht, sie schweben, zittern, kriechen, robben, zittern und bellen, während ihre unruhigen Augen hektisch umherzucken. Dann laufen sie, gnadenlos gegen sich selbst, nichts anderes wahrnehmend, nicht ablenkbar, spüren keinen Schmerz und keine Angst. Nach dem Lauf ist vor dem Lauf. Sie werden weg gebracht. Solange sie den Parcour sehen, drehen sie durch, quietschen, zucken und fixieren, kommen nicht zur Ruhe.

Sie laufen in der perfekten Unterordnung, kleben mit ihrem Blick an den Menschen, nichts kann sie ablenken, kein Geruch eines Beutetieres, keine läufige Hündin. Sie lassen sich bedrohen und anschreien, sie machen ihren Job, immer perfekt, sie warten auf den Ball, die künstliche Beute.

Sie sind Junkies! Ganz bewusst dazu gemacht. Vom Welpenalter an!

Das Beutefangverhalten mit seinem Sucht verursachteten Hormoncocktail aus Adrenalin und Dopamin, in der Natur nützlich, wird missbraucht – für den Hundesport – für die Geltungssucht der Menschen. Ball, Zerrspielzeug oder Schutzdienstärmel sind die Beute. Immer wieder wird sie beim Training eingesetzt. Mit jedem Jagen wächst die Sucht. Das funktioniert besonders gut bei Border Collies, genetisch bedingt, die sieht man oft im Hundesport.

Ein süchtiger Hund funktioniert immer. Nichts motiviert so sehr wie Suchtdruck. Da gehen auch Menschen über Leichen, kennen weder Freund noch Kind. Genial, diese Hundesportler – oder pervers? Dauerhafter Streß, zumindest, wenn das Suchtobjekt in Reichweite ist, hohe Erregungslage, Leistungen über die körperliche Grenze hinaus (tierschutzwidrig), Selbstverletzung, bedingungsloses Funktionieren und alles das für das Ego des Menschen. Ist das ethisch und moralisch vertretbar? Nein, eigentlich noch nicht einmal rechtlich!

Man nennt das dann „triebig“. Das ist gut für die Zucht. Und klingt so natürlich. Der Hund ist halt so, das muß mal raus. Da erfindet man noch schnell ein paar Extratriebe und bemüht Konrad Lorenz mit seiner Triebstautheorie (längst widerlegt). Dabei weiß man heute: Die Sucht nach Beutefangverhalten steigt mit jeder Ausführung, es ist selbstbelohnend!

Dein Hund ist nicht „triebig“? Freue dich über das Mitleid! Motivation ist super, auch für den Sport. Aber sie muß sichtbar Konkurrenz haben. Freude ist toll, aber nicht die Erregungslage wie beim Beutefang. Die gehört nicht in den Hundesport. Schnüffeln und hübsche Frauen sind immer mal wieder interessant? Du mußt dich auch mal anstrengen, noch interessanter zu sein? Trotzdem hat dein Hund viel Spaß beim Sport, arbeitet in der Regel begeistert mit? Nach dem Lauf ist dein Hund entspannt? Wunderbar! Dein Hund ist dein gleichwertiger Teampartner und kein funktionierendes Sportgerät. Herzlichen Glückwunsch!

OK, keine Sucht, aber Motivation erhöhen durch Liebesentzug, weniger Aufmerksamkeit, Zwingerhaltung oder Hunger? Funktioniert! Aber um welchen Preis! Was ist dein Hund für dich? Egostärkendes Sportgerät oder Seelenpartner? Ich weiß, was mir wichtiger ist!