Benennen & Ankündigen

Der Chihuahua beißt. Auf einmal fing es an, jedes Mal, wenn ihn jemand auf den Arm nahm. Denn immer kam diese Hand plötzlich irgendwo von oben, ohne jede Ankündigung, ungefragt und unvorbereitet wurde er in die Höhe gerissen. Und dann hatte er genug. Und er hatte eine Idee.

Jedesmal, wenn ihn jemand nach oben katapultierte, schleckte er sich kurz über sein Maul. Das mussten diese Menschen doch verstehen. Aber nein, es änderte sich nichts. Also begann er, jedesmal zu knurren. Immer noch änderte sich nichts. Sie sagten nur: „Du böser Hund. Nein! Du darfst nicht knurren!“ „Na dann“, dachte sich der Chihuahua „habe ich nur noch eine Möglichkeit. Vielleicht verstehen sie mich dann.“ Und er biss zu.

Am nächsten Tag fuhren sie mit dem Auto zu einem Haus, in dem er nie zuvor war. Wieder rissen sie ihn nach oben, zum letzten Mal. „Der Hund beißt“, hörte er. „Das ist uns zu gefährlich. Wenn der unser Kind beißt, das würden wir uns nie verzeihen.“ Und schon waren sie weg, seine Menschen.

Ab da begann ein besseres Leben: Überwiegend durfte er nun auf seinen eigenen vier Pfoten laufen. Und wenn er mal auf den Arm genommen wurde, weil ein großer Hund kam, zuviele Menschenfüße um ihn herum waren, es galt eine Treppe zu überwinden oder sonst irgendeine Gefahr drohte, dann wurde ihm vorher Bescheid gesagt. Er konnte sich vorbereiten und selber mitentscheiden.

Immer hielten die neuen Menschen ihm nun auf dieselbe Art eine Hand so hin, daß er selber darauf laufen konnte. Und immer gaben sie dabei einen ähnlichen Laut von sich. So etwas wie „AUF“. Das hatten sie mit ihm ganz langsam geübt. Erst war da nur die Hand, dann eine leichte Berührung. Als er damit einverstanden war, ging es einmal wenige Zentimeter nach oben und direkt wieder runter. Für jeden kleinen Schritt wurde er gelobt.

Auch in anderen Situationen gab man ihm nun Bescheid: Wenn das Geschirr an- oder ausgezogen wurde und wenn es nach draußen ging, gaben die Menschen zuvor immer den gleichen Laut von sich: Sie sagten „ANZIEHEN“ oder „RAUS“ und der Chihuahua wusste Bescheid. Vor dem Anziehen konnte er sich nochmal schütteln und vor dem Rausgehen nahm er stets noch ein Schlückchen Wasser.

Immer noch waren es die Menschen, die viele Dinge in seinem Leben bestimmten, aber er hatte eine Chance sich vorzubereiten. Manchmal fragten sie ihn auch: „Willst du RAUS?“ oder „Willst du WASSER?“. Diese Worte verstand er nun und er antwortete ihnen mit seiner Körpersprache. So einfach konnte das Hundeleben sein!

Nie wieder hat er gebissen, der kleine Chihuahua. Er wurde jetzt ernstgenommen als ein selbstbestimmtes Lebewesen, daß ein Bedürfnis nach und ein Recht auf Kommunikation hat. Auch ein kleiner Hund ist kein Kuscheltier aus der Spielwarenabteilung. Das wussten seine neuen Menschen!