Was braucht Nina?

Auf den ersten Blick „funktioniert“ Nina im Alltag viel problemloser als erwartet. Sie macht alles mit, ohne sich zu wehren. Sie erträgt alles. Man hat das Gefühl, dass sie sich aufgegeben hat.

Mich erinnert das stark an das Phänomen der erlernten Hilflosigkeit. Erlernte Hilflosigkeit ist die aufgrund negativer Erfahrung entwickelte Überzeugung, die Fähigkeit zur Veränderung der eigenen Lebenssituation verloren zu haben. Man beobachtet sie bei Hunden, die ihre Umwelt als unberechenbar und als durch ihr eigenes Verhalten nicht beeinflussbar erleben.

Interessant ist für mich der direkte Vergleich mit Briciola. Als sie nach dem Transport aus Italien aus ihrer Box geholt wurde, schnappte sie um sich. Auf dem Weg zu unserem Auto und auch bei den ersten Gassirunden leistete sie erbitterten Widerstand. Im Garten war sie hin- und hergerissen zwischen Neugierde und Angst. Zu den anderen Hunden suchte sie Kontakt und schon am ersten Morgen freute sie sich sichtbar, uns zu sehen.

Anders Nina: Sie ließ sich widerstandslos aus der Box tragen und lief auch mit zum Auto. Dort verkroch sie sich erstmal. Im Garten setzte sie sich sehr schnell in die hinterste Ecke. Rückzug und Bewegungslosigkeit ist ihre Überlebensstrategie. Nur beim Gassigehen zeigt sie manchmal echte Eigeninitiative. Zum Glück!

Was braucht so ein Hund?

Erstmal braucht Nina sicherlich ganz viele positive Erfahrungen mit ihrer Umwelt. Neben Liebe und ganz viel Zeit sollten ihre Menschen unbedingt über eine eigene emotionale Ausgeglichenheit verfügen und damit für den Hund berechenbar sein. Nina braucht wieder das Gefühl einer kontrollierbaren Umgebung. Kinder wären für sie sicher eine neue unberechenbare Komponente und täten ihr nicht gut.

Ausserdem braucht Nina empathische Menschen, die ihre Reaktionen verstehen, und ihr widerstandsloses „Funktionieren“ nicht ausnutzen. Sie sollten über ein fundiertes Verständnis der hundlichen Körpersprache verfügen und bereit sein, eigene Interessen denen des Hundes unterzuordnen auch, wenn das einmal gegen die gesellschaftliche Erwartung verstößt.

Um Nina wieder ein Gefühl von Eigenkontrolle und Berechenbarkeit der Umwelt zu geben, ist eine klare Kommunikation unabdingbar. Dabei ist sowohl auf eine klare verbale Kommunikation (eindeutige, gut konditionierte und freundliche Signale) wie auch auf die dazu passende Körpersprache zu achten. Hierbei sollten die Menschen wissen, wie Hunde menschliche Körpersprache interpretieren und wie man Hunde körpersprachlich führen kann. Sie müssen ihre eigenen Handlungen bewusst reflektieren können und darauf achten, dass ihre Körpersprache zu Emotionen und verbalen Signalen passt. Eine klare Kommunikation gibt Sicherheit.

Nötiges Grenzensetzen, konsequentes Führen und dabei großzügiges Freiräumelassen helfen besonders ängstlichen Hunden, sich im Leben zurecht zu finden. Auch die Arbeit mit dem Hund über Freies Formen kombiniert mit Motivations- und Kreativitätsübungen, in denen der Hund keine Fehler machen kann, und Schnüffel- und Suchspiele mit anschliessendem Erfolgserlebnis verhelfen Hunden wie Nina dazu, wieder ein Gefühl der Eigenkontrolle zu bekommen. Ist der Hund zu körperlichem Sozialspiel mit dem Menschen zu motivieren, kann auch auf diesem Weg Vertrauen entstehen.

Nina ist kein Hund, den man aufnimmt, um auch mal einen Hund zu haben. Ihre Menschen müssen bereit sein, viel Zeit zu investieren und eigene Interessen auch mal zurück zu stellen. Dann, aber nur dann, bin ich mir sicher, dass sie sich genauso gut entwickelt wie Briciola und zu einem wirklich glücklichen Hund wird. Und glückliche Hunde führen zu glücklichen HundeMenschen!