Philine und die Fliegenklatsche (Teil 1)

Es knallt und Phili springt. Phili hat eine panische Angst vor der Fliegenklatsche oder wahrscheinlich eher vor dem knallenden Geräusch. War es bei den ersten Klatschern noch eher ein Erschrecken, reagiert sie jetzt nach ein paar Tagen mit vielen Fliegen regelrecht panisch.

Warum trat keine Gewöhnung (Habituation) ein?

Eine Gewöhnung oder Habituation in Bezug auf einen neuen Reiz bedeutet, dass dieser immer weniger bewusst wahrgenommen wird, und tritt nur dann ein, wenn der Reiz nicht als relevant, aversiv oder bedrohlich eingestuft wird. Der Reiz darf also nicht in der Vergangenheit als solches eingestuft worden sein. Ich vermute, dass das Knallen der Fliegenklatsche ähnlich klingt wie Schüsse und dass Phili dieses Geräusch bereits in der Vergangenheit als bedrohlich eingestuft hat.

Was ist Sensibilisierung (Sensitivierung)?

Wird ein Reiz als relevant, aversiv oder bedrohlich eingestuft, tritt das Gegenteil von Gewöhnung ein: Er wird immer intensiver wahrgenommen. Wie bei Phili sichtbar wird bei wiederholter Exposition eine immer stärkere Reaktion auf den Reiz gezeigt.

Warum will ich an diesem Problem arbeiten?

  • Ich möchte nicht, dass meine Hunde Angst vor Geräuschen haben, die ihnen immer wieder im Alltag begegnen. Angst bedeutet Stress und der macht auf Dauer krank und unglücklich.
  • Wie schon beschrieben, kann es bei wiederholter Reizexposition zur einer Sensibilisierung und damit zu einer immer stärkeren Wahrnehmung und damit auch zu einer immer heftigeren Reaktion auf das Geräusch bis hin zur unkontrollierten Panik kommen. Die wiederum führt im schlimmsten Fall zu Verletzungen oder Flucht des Hundes.
  • Die Angst vor Geräuschen kann generalisiert werden. Manche Hunde entwickeln im Laufe ihres Lebens Angst vor immer mehr Geräuschen. Das wird dann für die Hunde (und auch für ihre Menschen) zu einer echten Belastung im Alltag.
  • Kommt im Alter dann noch eine Schwerhörigkeit dazu, die die Zuordnung von Geräuschen erschwert, kann sich dieses Problem noch einmal heftig verstärken.

Wie funktioniert eine Desensibilisierung und was ist das Ziel?

Bei einer Desensibilisierung wird der Hund dem Reiz zunächst in einer nicht relevanten, aversiven oder bedrohlichen Intensität ausgesetzt. Dies geschieht in entspannten Situationen, z.B. beim Fressen. Durch eine nur langsame Steigerung der Reizintensität, bei der man stets im vom Hund als nicht relevant, aversiv oder bedrohlich eingestuften Bereich bleiben muss, kann eine Gewöhnung an den Reiz erreicht werden, er wird also immer weniger bewusst wahrgenommen. Natürlich ist die Desensibilisierung besonders für gut quantifizierbare Reize geeignet, also auch für Geräusche, deren Lautstärke man gezielt und stufenlos steigern kann.

Wie funktioniert eine Gegenkonditionierung?

Bei der Gegenkonditionierung wird der Reiz weiterhin wahrgenommen, aber unterbewusst mit einer anderen Emotion oder einem anderen Reflex verbunden. Die Gegenkonditionierung beruht auf der klassischen Konditionierung, nur mit dem Unterschied, dass nicht mit einem neutralen, sondern mit einem bereits belegten Reiz begonnen wird. Dieser Reiz, der wie in diesem Fall der Knall der Fliegenklatsche Angst auslöst, soll in Zukunft Freude auslösen. Dies wird durch eine wiederholte zeitliche Kopplung des Reizes mit einem anderen, Freude auslösenden Reiz im Abstand von 0,5 – 1 Sekunde erreicht.

Warum kombiniere ich in diesem Fall Desensibilisierung und Gegenkonditionierung?

Meiner Erfahrung nach funktioniert die Gegenkonditionierung zuverlässiger als die reine Desensibilisierung. Würde ich aber versuchen, bei der Gegenkonditionierung direkt mit der vollen Reizintensität zu arbeiten, wäre es unmöglich den angstauslösenden Reiz mit dem Gefühl Freude zu verbinden. Darum wähle ich die Reizintensität zunächst so gering, dass keine Angst ausgelöst wird und so das Auslösen der Freude durch das nachfolgende Leckerli überhaupt möglich ist.

Wie sieht Philis Trainingsplan für die nächsten Wochen aus?

  • Tag 1: Fliegenklatsche liegt beim Fressen neben dem Futternapf, veränderter Kontext: draußen (Desensibilisierung Objekt)
  • Tag 2: Fliegenklatsche liegt beim Fressen neben dem Futternapf, gewohnter Kontext: drinnen (Desensibilisierung Objekt)
  • Tag 3: Fliegenklatsche in meiner Hand, 1 Sekunde nach jeder leichten Bewegung ein Leckerli (Desensibilisierung, Gegenkonditionierung)
  • Tag 4 – x: vom leisesten Klatschen von Tag zu Tag ganz langsam steigern zu lauterem Klatschen, 1 Sekunde nach jedem Klatschen ein Leckerli (mehrere Wochen)
  • Tag y: maximales Knallen im Nachbarraum, jeweils 1 Sekunde danach ein Leckerli
  • Tag z: maximales Knallen neben dem Hund, jeweils 1 Sekunde danach ein Leckerli
  • Natürlich ist dies nur eine vorlläufige Planung, die jederzeit an die aktuelle Entwicklung angepasst wird.
  • Und natürlich darf Phili während dieser Zeit keinem realen Fliegenklatscheneinsatz ausgesetzt werden. 😉

Was ist das Trainingsziel?

Mein Trainingsziel für Philine ist, dass das Knallen der Fliegenklatsche bei ihr positive Gefühle auslöst. Ich will, dass ihr bei jedem Klatschen das Wasser im Mund zusammen läuft und sie sich auf ein Leckerli freut. Das Gefühl Angst soll durch das Gefühl Freude ersetzt werden.

War das Training erfolgreich?

Das weiß ich noch nicht, aber aufgrund bisher gemachter Erfahrungen bei ähnlichen Problemen gehe ich fest davon aus. Ich werde euch aber auf dem Laufenden halten: In einigen Wochen werde ich euch im Beitrag „Philine und die Fliegenklatsche (Teil 2)“ berichten, ob ich bei meinem ursprünglichen Trainingsplan geblieben bin, ob und was ich anders gemacht habe als geplant und ob wir unser Trainingsziel erreicht haben.

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