Agility = durchgeknallt?

Immer wieder lese ich Blogbeiträge auf Hundetrainerseiten, die vor der Hundesportart Agility warnen. Die Hunde würden sich durch diese Sportart im Dauerstress befinden und auch im Alltag nicht zur Ruhe kommen. Meistens sind dies Hundetrainer, die selber lediglich mal ein wenig in diese Sportart hineingeschnuppert haben.

Ja, ich kenne Hunde, bei denen Agility negative Auswirkungen auf den Alltag hat. Hütehunde, die schon in frühester Kindheit über Jagdspiele süchtig gemacht werden, damit sie schnell, in höchster Erregungslage und ohne Rücksicht auf Verluste durch den Parcour jagen, neigen dann dazu Fahrräder, Autos oder Jogger zu jagen. Sie wirken angespannt und ruhelos, sobald sich irgendetwas um sie herum bewegt.

Und ja, ich kenne Hunde die im Training oder während eines Turniers keine Ruhe finden.

Aber ich kenne auch ganz viele Hunde, die Agility auf sehr hohem Niveau betreiben und dennoch im Alltag, auf dem Trainingsplatz und auch beim Turnier eine den Situationen angemessenen Erregungslage zeigen. Sie können wunderbar zwischen An- und Entspannung wechseln, sind stets ausgeglichen, freundlich und ansprechbar.

Wie ihr wahrscheinlich schon gelesen habt, mache ich mit sehr verschiedenen Hunden Agility – auch mit sehr wibbeligen und agilen Hunden, die zu einer hohen Erregungslage neigen. Mit meinem gechillten Schlappi habe ich an einem motivierten Start gearbeitet, Phili muss eher Impulskontrolle lernen, bei der Dackeline Elfi gab es schon einmal die Diskussion, wer denn jetzt führt, und Lina musste lernen, mit Ablenkung umzugehen.

Natürlich machen wir Agility „nur zum Spass“. Ja wofür denn sonst? Aber das schließt natürlich nicht aus, dass wir auf Turnieren starten. Schlappi war nach einem halben Jahr in der A3 und hat sich seitdem jedes Jahr für die Bayerischen Meisterschaften qualifiziert. Und das „nur zum Spass“!

Vor allem aber erschaffe ich mir keinen „schnellen“ Hund über Jagdspiele, also eben keinen Dopamin-abhängigen Junkie. Gearbeitet wird von Beginn an nur aus einer niedrigen Erregungslage heraus und Pause bedeutet Entspannung. Das können Hunde wunderbar lernen, wenn man jeden Schritt mit Bedacht, auf den individuellen Hund abgestimmt und ohne falschen Ehrgeiz geht. Ein Signal für Beginn und Ende des Trainings und auch für die Pause zwischendurch, separates Entspannungstraining mit einem konditionierten Signal und gelebte Entspannung im täglichen Zusammenleben sind sicherlich auch wichtige Bausteine – aber nicht nur für Agilityhunde.

Bild könnte enthalten: 3 Personen, Gras, Kind, im Freien und Natur

Und dann stehen Themen wie Impulskontrolle, körpersprachliches Führen, der Wechsel zwischen An- und Entspannung, Konzentration und Disziplin trotz Geschwindigkeit und Spass, Zusammenarbeit und gemeinsame Freude im Vordergrund. Aus Hund und Hundehalter wird ein Team!

Tatsächlich benutze ich als Hundetrainerin das Agilitytraining auch bei sehr agilen Hunden, nicht zur körperlichen Auslastung, sondern im Alltagstraining für die oben genannten Themen – und das mit Erfolg, weil Mensch und Hund gar nicht merken, was sie gerade alles lernen ;-).