Leinenlos auf Angeleint

Unendlich viele Texte sind wohl schon zu diesem Thema verfasst worden und dennoch scheint es nötig zu sein, wieder einmal etwas dazu zu schreiben.

Warum ist es nicht in Ordnung, seinen unangeleinten Hund ungefragt zu einem anderen und insbesondere zu einem angeleinten Hund hin laufen zu lassen? (Die Betonung liegt hier auf „ungefragt“, die abgesprochene Begegnung – auch in dieser Konstellation – ist so facettenreich, dass sie den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde.)

Nicht ungefragt, …

das heißt, dass ich meinen Hund so lange unter Kontrolle halte, bis ich mit dem anderen Hundehalter geklärt habe, ob ein Zusammenlassen der Hunde sinnvoll und nötig ist. Lehnt der andere Hundehalter ab, wäre es schön, dies hin zu nehmen, ohne den anderen zu beschimpfen. Auch rechtfertigen muss er sich nicht. Es ist einfach in Ordnung. Was natürlich überhaupt nicht in Ordnung ist, ist den anderen gar nicht erst zu fragen oder gar seinen eigenen, unangeleinten Hund im öffentlichen Raum nicht ständig zu beaufsichtigen und unter Kontrolle zu haben.

Ein riesen Problem: Keine Ahnung!

Viele Hundehalter haben einfach keine Ahnung von der Körpersprache ihres Hundes. Da wedelt ein Hund steif mit der Rutenspitze, während ihm die „Haare zu Berge stehen“ und der Hundebesitzer sagt: „Der ist ganz freundlich.“ Da verlässt ein erwachsener Hund aus der Gruppe der territorialen Haus- und Hofhunde steifbeinig, mit vorgeschobener Brust und der Rutenspitze fast in den Wolken seinen Hof und stellt einen anderen Hund auf der Straße und es tönt hinterher: „Der will immer nur spielen.“ Ich finde, dass jeder Hundebesitzer die Pflicht hat, sich intensiv mit der Körpersprache seines Hundes zu beschäftigen, um seinen eigenen, aber auch fremde Hunde, lesen zu können. Natürlich sollten immer auch die anderen Aspekte der hündischen Kommunikation beachtet werden. Ein gutes Grundwissen über die Verhaltensweisen und die Psychologie von Hunden wäre zusätzlich wünschenswert.

Eingeschränkte Kommunikation…

durch die Einschränkungen der Leine ist sicherlich ein weiteres Problem. Hunde kommunizieren viel über Bewegung im Raum und im Verhältnis zueinander, Bewegungsgeschwindigkeit und durch Bewegungseinschränkungen des anderen. Dies ist aber ganz sicher kein Freibrief für den Halter des unangeleinten Hundes von dem anderen zu verlangen, seinen Hund auch abzuleinen, denn bekanntlich gibt es bei vielen Hunden viele gute Gründe dies nicht zu tun.

Individualdistanz…

Häufig unterschreiten die unangeleinten Hunde die Individualdistanz des angeleinten Hundes. Und genau wie wir Menschen mögen auch viele Hunde das überhaupt nicht.

Ängstliche und unsichere Hunde…

leiden oft besonders unter sich plötzlich nähernden unangeleinten Hunden. Sie können dem anderen nicht entkommen. Die Leine und die Nähe zum Menschen, die für sie eigentlich Schutz bedeuten sollen werden zur Falle. Ableinen ist, besonders bei traumatisierten Hunden, keine Alternative. Sie würden In Panik davon rennen, womöglich vor das nächste Auto. Dem Hundehalter bleibt nur Schadensbegrenzung: Er kann versuchen, den ankommenden Hund bestmöglich von seinem Hund fern zu halten und hoffen, dass das Vertrauensverhältnis nicht nachhaltig gestört wird.

Für kranke Hunde…

kann es richtig gefährlich werden. Mit Schrecken erinnere ich mich an die Zeit nach Schlappis Bandscheibenvorfall. „Können sie ihren Hund bitte nicht zu meinem lassen.“ „Wieso denn, der will doch nur spielen?“ „Nein, bitte nicht.“ Wumms, da war er schon da und mein Hund in Lebensgefahr. Na vielen Dank auch. Auch Hunde, die Schmerzen haben, leiden schon unter einem „netten Anspielen“, bestehen häufig auf eine höhere Individualdistanz und verlieren das Vertrauen in ihre Besitzer, wenn die es nicht schaffen, sie zu beschützen.

Kleine Hunde…

sind oft auch im Spiel körperlich unterlegen und gefährdet, wenn das Spiel kippt, haben sie keine Chance mehr. Nicht umsonst kläffen besonders kleine Hunde häufig schon einmal „prophylaktisch“ andere Hunde an. Und da sind wir dann bei den…

Hunden mit schlechten Erfahrungen.

Die werden versuchen, sich den anderen Hund zunächst durch Flucht, Beschwichtigen oder Einfrieren vom Leibe zu halten. Gelingt dies nicht, werden sie es zunächst mit defensivem Drohen versuchen. Als nächstes gehen sie dann womöglich in die Offensive und lernen am Erfolg. Bei der nächsten unerwünschten Begegnung sind sie dann der aggressive Kläffer, der zähnefletschend in der Leine hängt, denn das hat ja beim letzten Mal so gut funktioniert.

Leinenaggression entsteht…

genau so. Und der Halter des angeleinten Hundes ist womöglich noch nicht einmal Schuld daran. Hundehalter, die ihre unangeleinten Hunde zu anderen hin laufen lassen, nehmen diese negative Entwicklung des anderen Hundes mit allen Konsequenzen und Problemen für den anderen Hundehalter billigend in Kauf. Ich finde das nicht freundlich.

Mehrhundehalter…

können oft ein Lied von solchen Hundebegegnungen singen: Da stürmt ein fremder Rüde mitten in die eigene Hundegruppe und belästigt eine der Hundedamen. Natürlich findet der eigene Rüde das gar nicht lustig und schon knallt es – je nach Temperament der Rüden lauter oder leiser. Wer das nicht nachvollziehen kann, sollte sich die gleiche Situation einmal im menschlichen Bereich vorstellen.

Hunde im Training, …

ja, so etwas soll es geben! Verantwortungsvolle Hundehalter sind sich bewusst, dass ihre Hunde immer lernen, auch unterwegs. Ob ein ängstlicher Hund lernen soll, dass sein Mensch ihn schützt und Konflikte für ihn regelt, der Jungspund an der Leinenführigkeit arbeitet oder der Mantrailing Profi bei der Arbeit ist, es ist unverschämt, seinen unangeleinten Hund dieses Training stören zu lassen. Wie wäre es, stattdessen selber mit seinem Hund zu trainieren? Zum Beispiel Leinenführigkeit, „Down“, „Bleib“ oder einen sicheren Rückruf? Vielleicht besser erstmal an der Schleppleine?

Auch unangeleinte Hunde…

besonders dann, wenn sie sich eindeutig im Umkreis ihres Hundehalters, im Gehorsam oder gar im Training befinden, haben ein Recht darauf, nicht von einem unerzogenen und leinenlosen Rüpel belästigt zu werden. Womit wir zu dem Schluss kommen, dass es für

jeden anderen Hund…

an jedem öffentlichen Ort, in jeder Konstellation und in jeder Situation gilt:

Ein verantwortungsvoller und rücksichtsvoller Hundehalter lässt seinen Hund niemals ungefragt zu einem anderen Hund hin laufen!

Die Pandemie…

sollte nun aber für den letzten rücksichtslosen Hundebesitzer ein Argument sein, seinen Hund nicht ungefragt zu anderen Menschen oder Hunden zu lassen. Mal ganz abgesehen von der Gefahr der Kontaktinfektion über den fremden Hund wird beim Trennen der Hunde auch mit hoher Wahrscheinlichkeit die gesetzlich vorgeschriebene Distanz unterschritten. Die Gefahr, wenn auch vielleicht unwissentlich, einen Risikopatienten anzustecken, (Weiß ich, welche Risikofaktoren die andere Person mitbringt?) einzugehen, ist in meinen Augen tatsächlich verwerflich.

Rechtliche Grundlagen

  • Die Straßenverkehrsordnung regelt, dass ein Hund auf der Straße entweder angeleint oder über akkustische oder optische Signale sicher zu kontrollieren sein muss. Ein Hund, der nicht 100% zu stoppen oder zurück zu rufen ist, gehört im öffentlichen Raum folglich immer an die Leine. §28 StVO
  • Das Ordnungswidrigkeitengesetz regelt die Verantwortung, die ein Besitzer eines gefährlichen Tieres trägt, zu denen Hunde als große Beutegreifer gehören. Er muss dieses Tier beaufsichtigen und verhindern, dass durch das Tier Schäden (auch psychische Schäden) für andere Menschen oder Tiere entstehen. §121 OWiG
  • In Urteilen über Fälle „Angeleinter versus unangeleinter Hund“ sahen Richter immer wieder sehr eindeutig die Schuld beim Besitzer des unangeleinten Hundes – zu Recht, wie ich finde.

Fazit:

Egal ob auf der Straße direkt vor eurem Haus oder irgendwo im Wald: Ihr habt als Hundebesitzer im öffentlichen Raum immer die verdammte Pflicht euren Hund niemals ungefragt zu einem anderen Hund oder Menschen hinlaufen zu lassen – rechtlich und moralisch!

Und wenn es doch mal passiert? Ja, wir alle machen einmal einen Fehler: Die Leine hängt sich aus, das Gartentor war nicht verschlossen, der Zaun auf einmal doch zu niedrig, der Hund springt aus dem Auto oder gehorcht auf einmal nicht – egal was, es gilt aus dem Fehler zu lernen, sich ernsthaft und von Herzen zu entschuldigen und für Schäden auf zu kommen.

Leider werdet ihr immer wieder rücksichtslosen Hundebesitzern begegnen, die sich das Recht herausnehmen, ihren unangeleinten Hund zu eurem hin laufen zu lassen und die sich dann noch beschweren, sollte euer Hund das nicht lustig finden. Wie man mit solchen Menschen umgehen soll, weiß ich ehrlich gesagt auch immer noch nicht. Man könnte ihnen eine Leine schenken, einen Zaun bauen oder eine Hundeschule empfehlen, aber ich glaube, das alles wollen sie gar nicht. Sie halten es nämlich, so glaube ich, für ihr gutes Recht, so zu handeln. Einige gute Ideen für diese Situationen findet ihr unter diesem externen Link auf der Seite http://www.hey-fiffi.com.. Außerdem könnt ihr natürlich immer versuchen den anderen Hund körperlich zu blocken. Ich habe für meine Hunde schon mein Leben und meine Gesundheit riskiert – für mich gibt es wenigstens einen Rettungswagen….

Versucht euren Hund in solchen Situationen einfach bestmöglich zu schützen oder kauft euch zusätzlich einen riesigen Rottweiler – das macht immer Eindruck. Ansonsten kann man wohl nur nach dem Motto leben: Lächle, du kannst sie nicht alle …!