Schwierigkeiten systematisch steigern

„Mein Hund macht kein Sitz, wenn ich es im Wald von ihm verlange, wenn ein Reh vorbei läuft.“ „Ja macht er denn zuhause im Wohnzimmer Sitz?“ „Na ja meistens, zumindest dann, wenn ich ein Leckerli in der Hand habe.“

Merkst du etwas? Wir Menschen gehen oft total unsystematisch vor, wenn wir unseren Hunden etwas Neues beibringen wollen. Oft beurteilen wir das Verhalten unserer Hunde dann auch noch überaus unfair. Frustration entsteht auf beiden Seiten, die Bereitschaft des Hundes zur Kooperation lässt nach und der Mensch hat keine Lust mehr, mit seinem Vierbeiner zu trainieren. Langfristig leidet so die Beziehung. Das ist wirklich traurig und darum stelle ich dir im Folgenden einige grundsätzliche Trainingsprinzipen im Bereich der Schwierigkeitssteigerung vor.

Zuerst notwendig: ein Perspektivwechsel

Um die Schwierigkeit einer Übung und die Ablenkung durch die Umwelt für Hunde im Allgemeinen und individuell für deinen Hund richtig einschätzen zu können, brauchst du Wissen, Beobachtungsgabe und Empathie – und vielleicht manchmal einen Hundetrainer ;-).

Du brauchst Wissen über die Umweltwahrnehmung von Hunden im Allgemeinen. Wie gut und auf welche Art arbeitet welches Sinnesorgan? Welche Impulse und Motivationen führen bei Hunden zu einem bestimmten Verhalten? Wie kommunizieren Hunde miteinander und wie verhalten sie sich zueinander?

Zusätzlich musst du aber deinen individuellen Hund kennenlernen. Dazu müsst ihr viel Zeit miteinander verbringen und dabei auch miteinander kommunizieren. Schaue auf Spaziergängen zu deinem Hund und nicht auf dein Handy, beobachte deinen Hund im Alltag und im Zusammentreffen mit andern Tieren, Artgenossen oder Menschen! Finde heraus, wie er auf Geräusche und bewegliche Objekte reagiert! Du musst wissen, was er liebt, was er hasst und wovor er Angst hat.

Schwierigkeit langsam steigern

Jedes Training von etwas Neuem beginnt so leicht wie möglich. Natürlich möchtest du die Schwierigkeit dann steigern. Wie langsam du dabei vorgehen solltest, erfährst du im Beitrag „Salamitechnik für den Hund?„. Bei der Planung der Trainingsschritte solltest du aber unbedingt vorher wieder einen Perspektivwechsel vornehmen, damit du die Schwierigkeit aus Sicht deines Hundes beurteilen kannst.

Immer nur an einem Aspekt arbeiten

Steigerst du die Schwierigkeit hinsichtlich eines Aspektes, senkst du zunächst den Anspruch in allen anderen Aspekten. Trainierst du zum Beispiel die Erhöhung der Distanz zu deinem im Platz liegenden Hund, lässt du zunächst Übungen zur Impulskontrolle, die du auf kürzerer Distanz schon eingebaut hattest, wieder weg. Das erleichtert nicht nur deinem Hund das fehlerfreie Lernen, sondern auch dir das differenzierte Bestätigen von erwünschtem Verhalten. Erst im nächsten Schritt führst du dann die verschieden Aspekte wieder Schritt für Schritt zusammen.

Schwierigkeit des Trainingsortes langsam steigern

Genauso verfährst du mit dem Trainingsort. Berücksichtige alle Umweltreize, denen dein Hund dort ausgesetzt ist, und bewerte ihre Bedeutung aus Sicht deines Hundes! Hilfreich ist es, sich eine Trainingsortliste mit steigendem Schwierigkeitsgrad auf zu schreiben und diese dann für jede neue Übung systematisch und im Lerntempo des eigenen Hundes abzuarbeiten. Wenn du in eine schwierigere Umgebung wechselst, beginnst du deine Übung dort zunächst wieder ganz leicht und steigerst dann an dem neuen Ort die Schwierigkeit der Übung, bevor du wieder den Trainingsplatz wechselst.

Eine Schwierigkeit zu erhöhen bedeutet, zunächst alle anderen zu senken.

Dieses Prinzip gilt auch für „versehentlich“ gesteigerte Schwierigkeiten: Eine Katze setzt sich vor euren Gartenzaun, irgendwo schreien Kinder, ein Auto fährt vorbei oder im Gebüsch raschelt ein Vogel: Wenn du merkst, dass Umweltreize deinen Hund ablenken, reduzierst du die Schwierigkeit deiner Übung – zur Not auch ganz massiv.

Schwierigkeit falsch eingeschätzt?

Jedem Hundehalter passiert das von Zeit zur Zeit: Manchmal schätzen wir die Schwierigkeit einer Übung falsch ein oder machen einen zu großen Trainingsschritt. Dein Hund macht einen Fehler – oder nein, eigentlich hast du einen Fehler gemacht. In diesem Fall gestaltest du den nächsten Versuch so leicht wie möglich, um eine erneute Überforderung des Hundes zu 100 % zu vermeiden, und den Erfolg dann überschwenglich loben. Und schon weiß dein Hund, dass er wieder auf dem richtigen Weg ist, und startet motiviert in die nächste Runde. Die Alternative dazu ist eine Frustrationsspirale, die in einem Verlust der Trainingsmotivation auf beiden Seiten endet.

Aber Stopp! Bevor du in die nächste Runde startest, nimmst du dir Zeit für eine kurze Analyse: Woran lag es, dass der Fehler passiert ist? War der Trainingsschritt zu groß oder ist eine vorübergehende Ablenkung aufgetaucht? Dann trainierst du angepasst weiter. Ist dein Hund müde oder lässt die Motivation nach? Schluss für heute!

Mit Leichtigkeit und Freude zum Erfolg…

kommt ihr durch möglichst fehlerfreies Lernen. Neben Wissen, Beobachtungsgabe und Empathie brauchst du dazu noch eine gute Trainingsplanung und genauso die Bereitschaft, deine Pläne spontan an das Verhalten deines Hundes anzupassen, Geduld und viel Fleiß.