Hund und Kind

Wie kann ein glückliches Hundeleben mit Kind gelingen?

Irgendwann war es passiert: Ich hatte meinem Bruder eine Ohrfeige verpasst. Natürlich war dann ich die Böse. Meine Eltern hatten kein Verständnis für mein Verhalten und ließen mich das auch deutlich spüren.

Dass der Ohrfeige viele Monate voraus gegangen waren, in denen ich gelitten habe, mal laut, mal leise, in denen ich versucht habe mit allen mir zur Verfügung stehenden friedlichen Strategien mich und mein Eigentum zu schützen, das sahen sie nicht.

Ich musste mir damals mit meinem mehr als acht Jahre jüngeren Bruder ein Zimmer teilen. Lediglich ein paar Bretter teilten auf niedriger Höhe meinen Bereich ab, aber eine Türe gab es nicht. Er hatte immer Zugang zu meinem Bereich und nutzte diesen auch fleißig, um Dinge, die mir wertvoll waren, zu zerstören.

Bat ich meine Eltern um Hilfe, hieß es, ich müsse damit leben, er sei ja noch so klein. Hilfe bekam ich keine, ersetzt wurde mir auch nichts. In meiner Verzweiflung bat ich um eine Türe, die meinen Bereich abtrennen würde, aber auch die wurde nicht für nötig gehalten. Noch heute kann ich die damals empfundene Wut, Entäuschung und Hilflosigkeit fühlen.

Aber nicht nur ein Rückzugsort fehlte mir, auch sonst hatte mein Bruder Spaß daran, mich zu provozieren, zu nerven und vor meinen Eltern schlecht zu machen. Hilfe von meinen Eltern bekam ich nicht, zurückziehen konnte ich mich nicht und alle meine Abwehrversuche wurden mir verboten. Es wurde von mir erwartet, dass ich als die Ältere das aushalten lernte. Aber nicht ich, sondern sie hatten sich für weitere Kinder entschieden. Es war unfair, von mir zu erwarten, die Folgen ihrer Entscheidung zu tragen.

So kam es zu der Ohrfeige. Im übrigen eine Konfliktlösungsstrategie, die mir meine Eltern vorgelebt hatten. Zusätzlich hat diese Zeit aber auch mein Verhältnis zu meinen Eltern bis heute beeinflusst. Mein Vertrauen in ihre Unterstützung und ihre Gerechtigkeit ist damals nachhaltig beschädigt worden. Die innere Distanz zu ihnen und der Beschluss, alles in meinem Leben selber zu regeln, unterscheidet mich noch heute von meinen Geschwistern.

Ich glaube, du ahnst bereits, warum ich dir diese Geschichte erzähle, oder? Genau so kommt es häufig dazu, dass der eigene Hund das Kind der Familie beißt. Ich kann diese Hunde so gut verstehen und es macht mich traurig, dass sie nicht glücklich sein dürfen. Die folgenden 10 Punkte sollen dir helfen, einen solchen Zwischenfall zu vermeiden, und deinem Hund ein glückliches Leben zu garantieren.

10 Punkte für ein glückliches Hundeleben mit Kind:

1. Rückzugsort

Jeder Hund braucht einen Rückzugsort, an dem er niemals gestört wird. Er muss sich 100 %ig darauf verlassen können, dass er sich dorthin zurück ziehen darf, wenn er seine Ruhe haben möchte. Damit er sich dort wirklich entspannen kann, darf ihn dort vom ersten Tag an niemand stören – auch nicht ausnahmsweise und auch nicht das ach so kleine Krabbelkind. Wie auch immer du das organisierst, das bist du deinem Hund schuldig.

2. Ressourcen

Auch ein Hund hat Dinge, die ihm gehören. Seinen Futternapf, seinen Kauknochen, sein Spielzeug und seinen Schlafplatz sollte er niemals verteidigen müssen, denn sonst bringst du ihn in einen Zustand des Dauerstresses. Und Dauerstress macht krank und führt dazu, dass die Hemmschwelle, aggressives Verhalten einzusetzen, sinkt.

3. Aufsicht

Hund und Kind gehören immer nur unter Aufsicht zusammen. Zu groß ist die Gefahr, dass ein Kind bewusst oder unbewusst Grenzen des Hundes übertritt und der Hund in seiner Verzweiflung irgendwann zu aggressivem Verhalten greifen muss. Es liegt in deiner Verantwortung, diese Aufsicht immer sicher zu stellen, oder Hund und Kind temporär durch geeignete Maßnahmen wie Kindertörchen von einander zu trennen.

4. Hilfe

Hast du es verpasst, deinen Hund rechtzeitig vor Übergriffen durch dein Kind zu schützen, muss er sicher wissen, dass du ihm zur Hilfe kommst und ihn bedingungslos schützt, spätestens dann, wenn er dich hilfesuchend anschaut oder deine Nähe sucht. Versagst du ihm diese Hilfe, wird er lernen, dass er sich selber helfen muss – mit allen Konsequenzen. Zusätzlich verliert er das Vertrauen in dich als souveränen und schützenden Bindungspartner und Führer – mit allen Konsequenzen.

5. Wissen

Wer mit einem Hund zusammen lebt, ist moralisch und gesetzlich verpflichtet, gute Kenntnisse über seine Verhaltensweisen und sein Ausdrucksverhalten zu haben. Du musst u.a. wissen, wie dir dein Hund zeigt, dass er sich bedrängt fühlt, welche Konfliktlösungsstrategien er hat und welche Eskalationsstufen er im Aggressionsverhalten zeigen kann. Auch das Wissen darum, welche menschlichen Verhaltensweisen auf deinen Hund bedrohlich wirken, gehört dazu.

6. Eskalationsstufen

Dein Hund muss Eskalationsstufen im Aggressionsverhalten zeigen dürfen. Verbietest du ihm zu knurren, wenn es ihm zu eng wird, wird er diese Eskalationsstufe vielleicht beim nächsten Mal überspringen. Stattdessen solltest du in diesem Moment den Fehler bei dir suchen und überlegen, wie du in Zukunft Situationen vermeiden kannst, in denen dein Hund so gestresst ist, dass er nur noch den Ausweg sieht zu knurren.

7. Knigge

Kinder müssen lernen, durch welche Verhaltensweisen sie Hunde bedrängen oder bedrohen. Das Umarmen, Festhalten, Jagen oder Ärgern des Hundes ist tabu, ebenso wie das Herumlaufen um den Hund oder das frontale Entgegenlaufen. Der schlafende oder fressende Hund wird nicht gestört, die Individualdistanz des Hundes wird immer akzeptiert. Ressourcen des Hundes wie Futter, Schlafplatz, Kauknochen oder Spielzeug werden nicht angerührt. Der Hund wird „gefragt“, ob er Nähe möchte, und alle Aktionen, die ihn betreffen, werden benannt und angekündigt. Wenn du deinem Kind diese Verhaltensweisen näher bringen möchtest, kannst du das Material von „Der blaue Hund“ nutzen.

8. Empathie

Ein guter Umgang des Kindes mit dem Hund setzt Empathiefähigkeit voraus. Solange die altersbedingt noch nicht vorhanden ist, haben Kinderhände allerhöchstens unter direkter Kontrolle der elterlichen Hände etwas am Körper deines Hundes zu suchen. Solange ein Kind nicht in der Lage ist, empathisch mit seinem Kuscheltier umzugehen, diesem also ins Fell greift, in die Augen sticht oder es gar in die Ecke wirft, musst du deinen Hund unbedingt vor deinem Kind schützen.

9. Vorleben

Kinder kopieren die Art des Umgangs ihrer Eltern mit dem Hund und auch deren Konfliktlösungsstrategien und auch dein Hund lernt durch Beobachtung deiner und deines Handelns, wie man miteinander umgeht. Zusätzlich übertragen sich Stimmungen in der Familie auf alle Mitglieder, auch auf deinen Hund. Erziehst du deinen Hund über Strafe oder löst du Konflikte mit Geschrei, wird dies Auswirkungen auf das Verhalten deines Hundes und deines Kindes haben.

10. Verantwortung

Die Entscheidung dafür, dass Hund und Kind zusammenleben sollen, treffen die Erwachsenen. Weder Hund noch Kind haben ein Mitspracherecht. Genau deswegen muss der Hund niemals etwas „aushalten lernen“. Es liegt in deiner Verantwortung, ihn zu schützen und für seine Bedürfnisse Sorge zu tragen.

Anders herum…

… haben auch Kinder ein Schutzbedürfnis vor hundlichen Übergriffen. Da ich aber Hundetrainerin und nicht Erzieherin bin, überlasse ich Informationen dazu den Fachleuten. Sicher ist aber, dass auch ein durch den Hund dauerhaft gestresstes Kind zur Gefahr für den Hund werden kann, und dass sich Konflikte wechselseitig hochschaukeln können. Immer jedoch liegt die Verantwortung zu 100 % bei den Eltern: Sie müssen Bedürfnisse beider Seiten kennen, erkennen und schützen und dadurch Konflikte verhindern, um ein glückliches Zusammenleben zu ermöglichen.