Kind nach Hund

Nicht selten zieht bei einem jungen Paar zunächst ein Hund ein, bevor später ein Kind folgen soll. Da dies auch immer wieder in dramatischen Situationen für alle Beteiligten endet, bis hin zur Abgabe des Hundes, möchte ich euch hier ein paar Denkanstöße geben.

Vor dem Hund…

… ja, ihr habt richtig gelesen. Die ersten Gedanken zu diesem Thema müsst ihr euch unbedingt vor dem Einzug des Hundes machen, zumindest dann, wenn sich dessen Lebenserwartung mit der Geburt eines Kindes überschneiden könnte.

  • Welche Rassen, welche Mischlinge, welche Charaktereigenschaften, welche Größe und welches Gewicht passen zu einem Leben mit Kind?
  • Welche Bedürfnisse, Schwächen oder Stärken soll mein Hund haben?
  • Bin ich bereit, auf ein Kind zu verzichten, wenn mein Hund (trotz Trainings) nicht gut mit Kindern klar kommt?
  • Wie kann ich eine gute Sozialisierung auf Kinder von Beginn an fördern? (Bei Welpen kann auch die Auswahl des Züchters eine Rolle spielen.)

Vor dem Kind…

… also vor der Entscheidung für ein Kind sind folgende Fragen zu klären:

  • Kommt mein Hund mit Kindern klar oder stressen/verunsichern sie ihn? Kann ich ihm ein Kind zumuten (Alter, Krankheit, Angst)?
  • Kann ich daran durch Training etwas verändern?
  • Hätte ich trotz Kind genug Zeit für die Bedürfnisse meines Hundes?
  • Bin ich bereit, Zeit für zusätzliches Training und Management zu investieren?
  • Lebt der Hund seit mindestens einem Jahr bei mir, haben wir eine gute Bindung zueinander aufgebaut, die Grunderziehung abgeschlossen und liegen keine größeren „Baustellen“ vor?

In der Schwangerschaft…

… ist es spätestens an der Zeit, mit der Aneignung von Wissen und dem Training für die Zeit nach der Geburt zu beginnen:

  • Wissen über das Ausdrucksverhalten von Hunden, insbesondere agonistisches Verhalten und Calming Signals
  • Barrieretraining, Kindergitter, Schutzraum
  • Target-/Deckentraining
  • Pausetraining (mit konditionierter Entspannungsmusik, Kauknochen oder Schleckmatte, der Bindungspartner ist anwesend, aber sozial nicht verfügbar)
  • Impulskontrolltraining
  • Indoor Beschäftigung, Tricks und andere mit Kind funktionierende Auslastungsmöglichkeiten etablieren
  • Puppentraining, Signalkontrolle mit veränderter Körpersprache trainieren
  • Gewöhnung an neue Geräusche, z.B. Babygeschrei mit Leckerlis auf dem Hundekissen verbinden
  • Alltagssituationen mit Kind und Hund simulieren und im Voraus gute Lösungen entwickeln (z.B. Leinenführigkeit, Rückruf, Schlafplatz, positive Rappeldose)
  • 2. Bindungsperson fördern
  • Netzwerk von Hundesittern oder Hundebeschäftigern aufbauen
  • Lösungen für Notfälle (Krankheit/OP Hund oder Kind) planen

Nach der Geburt…

… wird es richtig anstrengend, denn nun gilt es, die Bedürfnisse des Kindes und des Hundes zu befriedigen. Dabei gibt es einige Punkte, die man beachten sollte, wenn man dauerhaft ein friedliches Zusammenleben sicher stellen möchte:

  • negative Randverknüpfungen vermeiden (z.B. Kind = Aufmerksamkeitsentzug)
  • positive Randverknüpfungen nutzen (z.B. Kommen mit Kind = Leckerli auf Hundekissen, Kind schläft = Spielen, später auch Futtergabe durch Kind)
  • Management (u.a. Kind und Hund niemals alleine lassen, zum Schutz beider, Kindergitter, …)
  • alternative Gassigänge, z.B. stationäre Spaziergänge
  • Ruhezone für den Hund (später auch für das Kind)
  • Babyfotos oder Videos mit Hund sind tabu, außer ein Erwachsener befindet sich zwischen beiden!
  • Stoffhund besorgen, an dem Streicheln geübt wird, der frisiert und angezogen werden darf
  • Knigge für das Kind: Kein Jagen, Umarmen, Ärgern oder Festhalten des Hundes, kein Stören beim Fressen oder Schlafen, kein über den Hund Beugen, kein frontales Entgegenlaufen, Futter, Spielzeug und Ruhezone des Hundes sind absolut und immer tabu! Der Hund wird gefragt, ob er Körperkontakt möchte, jede Aktion wird angekündigt.
  • Infomaterial „Der blaue Hund“ nutzen

Weitere Infos zu diesem Thema…

… gebe ich euch jederzeit im Einzeltraining oder Beratungsgespräch, gerne auch vor der Anschaffung eines Hundes!

  • Beratung vor dem Einzug des Hundes
  • Wissensvermittlung zur Körpersprache der Hunde
  • Training vor der Geburt des Kindes (, aber auch danach)
  • Training bei Problemen zwischen Kind und Hund

„Aber in den meisten Fällen…

… geht doch auch in den Familien, die sich vorher keine Gedanken machen und auch nicht mit ihren Hunden trainieren alles gut“, wendet ihr jetzt vielleicht ein? Ja, das stimmt, und das verdanken wir dem tollen Sozialverhalten unserer Hunde.

Die eigene soziale Gruppe ist für einen Hund so wichtig, dass er immer so lange wie möglich versucht, Konflikte möglichst friedlich zu lösen. Auf Frust, Stress, Bedrängung oder Angst reagiert er häufig mit Rückzug oder Beschwichtigung, leidet dabei aber natürlich dennoch. Je nach Temperament, gelernten Lösungsstrategien und Grad der Verzweiflung kann sich aber jeder Hund irgendwann gezwungen sehen, auch mit Aggressionsverhalten zu reagieren. Werden ihm dann noch niedrige Eskalationsstufen (wie z.B. Knurren) verboten, anstatt spätestens in diesem Moment Kontakt zu einem Hundetrainer aufzunehmen, ist die Katastrophe für den Hund vorprogrammiert.

Jedes Jahr landen auf diese Weise viele Hunde in deutschen Tierheimen und manchmal auch Kinder beim Arzt oder im Krankenhaus. Beides lässt sich leicht vermeiden!

Nicht gesehen werden allerdings oft die vielen, vielen Hunde, die still leiden, die ständig gestresst sind, die dadurch krank werden und früher sterben. Auch dieses Leid lässt sich leicht vermeiden!

Also besser nicht?

Soll man es dann besser ganz lassen, das Leben mit Hund und Kind? Ob die Hunde von Kindern profitieren ist noch nicht klar. Vorstellbar ist aber, dass Kinder bei guter Planung auch zu wertvollen Sozialpartnern für den Hund werden können.

Bei Kindern dagegen ist nachgewiesen, dass sie bei guter Anleitung durch die Eltern zu deutlich empathischeren Menschen heranwachsen, wenn sie zusammen mit Hunden aufwachsen.