Aggressionsverhalten

Wie versprochen gibt es hier ein wenig Hintergrundwissen zu den Fragen des Adventsquizes vom 1. Advent 2020!

Was ist Aggressionsverhalten und warum wird es gezeigt?

Aggressionsverhalten ist hundliches Normalverhalten und ist – zumindest in einem Leben ohne Menschen – überlebensnotwendig. Es ist ein multifaktorielles Verhalten und dient immer der Wiederherstellung der äußeren Allostase durch Distanzvergrößerung zum Gegner durch dessen Rückzug oder durch dessen Elimination.

Aggressionsverhalten ist Kommunikationsverhalten, das als Reaktion auf ein bestimmtes Verhalten des Kommunikationspartners oder als umgeleitete Reaktion aufgrund eigener Unzufriedenheit gezeigt wird. Dabei spielen Gefühle wie Angst um das eigene Leben, die eigene Gesundheit oder die Welpen oder Angst vor dem Verlust von Ressourcen, wie Beute, Sozialpartner, Sexualpartner, Status im Rudel oder Territorium eine Rolle. Gezielt wird Aggressionsverhalten auch zur Regelung des Zusammenlebens im Rudel eingesetzt, z.B. bei der Erziehung der Welpen und Junghunde. Auch Frustration durch verhinderte Bedürfnissbefriedigung, fremdverschuldet oder durch eigene körperliche Einschränkungen bedingt, kann zu Aggressionsverhalten führen.

Es gibt keinen Aggressionstrieb!

Die Triebtheorie postuliert, dass es einen inneren Antrieb unabhängig von der Umwelt gäbe, Aggressionsverhalten auszuleben. Würde Hunden dazu keine Möglichkeit geboten, käme es zu einem Triebstau, der sich in der Folge unkontrolliert entladen könne. Würde man dem Hund dagegen die Möglichkeit geben, Aggressionsverhalten zu zeigen, würde dies einen Triebstau verhindern, die Neigung, Aggressionsverhalten zu zeigen, also reduzieren. (Ähnliches wurde für einen Jagd- und Sexualtrieb angenommen.)

Diese Ansicht ist heute sicher widerlegt. Aggressionsverhalten ist kein Trieb, sondern eine Reaktion auf einen Außenreiz. Wird es ausgelebt steigt die Neigung dazu, dies erneut zu tun. Dies ist nicht nur durch operante Konditionierung, also Lernen am Erfolg, zu erklären. Hormone sorgen dafür, dass unmittelbar nach gezeigtem Aggressionsverhalten die Neigung dazu, dieses Verhalten erneut zu zeigen, erhöht ist.

Welche Strategien haben Hunde im Umgang mit Konflikten?

Wilde Beißereien bergen immer eine große Verletzungsgefahr auf beiden Seiten. In freier Natur kann eine Verletzung den Tod bedeuten, Verletzungen innerhalb des Rudels mindern dessen Gesamtfitness. Deswegen haben Hunde eine ganze Reihe von Konfliktlösungsstrategien, die sich kurz in den 4 Fs zusammenfassen oder ausführlicher in einer Eskalationstabelle darstellen lassen.

4 F: 1. FLIRT 2. FLIGHT 3. FREEZE 4. FIGHT

Eskalationstabelle:

  • ungehemmtes, auch mehrmaliges Zubeißen
  • Packen, gehemmtes Beißen
  • Zwicken, Schnappen, ohne zu verletzen
  • drohende Körperhaltung, in die Luft schnappen
  • Lefzen hochziehen, Zähne zeigen, Zähne fletschen
  • Steifwerden, Knurren
  • tiefes Bellen
  • Übersprungshandlungen, Flirten oder Flüchten
  • Beschwichtigen (Licking Intention, Wegschauen, Abwenden)
  • neutrales und entspanntes Verhalten

(Natürlich werden die Eskalationsstufen nicht immer in aufsteigender Reihenfolge gezeigt. Eskalationsstufen können übersprungen werden und das Verhalten des Gegenübers kann deeskalierend wirken.)

Warum neigen manche Hunde eher zu aggressivem Verhalten als andere?

  • Schmerzen oder Unwohlsein können dazu führen, dass die eigene Individualdistanz erhöht ist, Hormonveränderungen, egal ob krankheitsbedingt oder z.B. sexuell gesteuert, können die Reizschwelle senken. Außerdem haben Hunde ein Gefühl für die eigene Fitness und ihre Chance, eine aggressive Auseinandersetzung zu gewinnen.
  • Lernerfahrungen, in denen Aggressionsverhalten gelernt wurde oder Ängste entstanden sind oder fehlende Lernerfahrungen oder Sozialisierung und damit nicht gelernte alternative Konfliktlösungsstrategien oder entstandene Ängste, können das Verhalten von Hunden beeinflussen.
  • Der situative Kontext, Prioritäten, Beziehungen, Interaktionen und vorhandene oder nicht vorhandene Möglichkeiten zu alternativen Konfliktlösungsstrategien beeinflussen in der konkreten Situation, ob sich ein Hund für oder gegen das Zeigen von Aggressionsverhalten entscheidet.
  • Auch die Genetik scheint eine, wenn auch kleine Rolle zu spielen. Es gibt bestimmte Linien innerhalb bestimmter Rassen, die eher dazu neigen, in Konflikten aggressives Verhalten zu zeigen.