Ninona auf der Straße

… oder warum ich einen Notfallrückruf klassisch konditioniere

Mist, auf einmal stand sie unangeleint neben dem Auto, Ninona, unser traumatisiertes Angsthündchen. Irgendwie hatten wir beide, mein Mann und ich, gedacht, der jeweils andere habe sie im Auto gesichert – hatten wir aber beide nicht und so sprang sie dann aus der geöffneten Autotür.

Unbedacht und mich im nächsten Augenblick über mich selber ärgernd ging ich einen Schritt auf sie zu und sofort schaltetet der Hund, der sonst mittlerweile gar nicht eng genug mit mir kuscheln kann, wieder in den Angstmodus. Über Jahre gelernte Verhaltensweisen und Emotionen lassen sich nicht so schnell löschen.

Wenn ein Mensch in Ninonas Richtung geht oder etwas von ihr erwartet, schaltet sie automatisch in den Fluchtmodus. Angst und Stress lassen sie nicht mehr klar denken, Flucht ist die erlernte Strategie. Und genau die ergriff sie, zum Glück nur für ungefähr 20 Meter, aber mitten auf die (zum Glück nicht sehr befahrene) Straße. Ninona musste runter von der Straße und das sofort – ohne jede Form von Druck oder Erwartung, denn das hätte sie zur Flucht bewegt!

Der Moment für unseren Notfallrückruf, …

unser Zauberwort: „Lilaleckerli“ rief ich, natürlich freundlich und fröhlich wie immer, während ich mich von ihr wegdrehte. Blitzartig, offensichtlich ohne darüber nachzudenken, drehte sie sich zu mir um und lief zu mir hin. Yeah! Die Leckerlis im Auto greifen und neben mir auf der Erde fallen zu lassen, war das Nächste.

Damit war Ninona innerhalb von Sekunden aus der Gefahrenzone heraus und – ganz wichtig – auch aus ihrem Angst-, Stress- und Fluchtmodus. Nun war sie auch wieder offen für gelerntes Verhalten und fähig, mir zu vertrauen. Über immer wieder an der Schleppleine geübtes Folgeverhalten und mit der Hilfe von zwei Würstchen lösten wir den Rest. (Das zweite Würstchen kam allerdings erst zum Einsatz, als sie angeleint war, um sicher zu gehen, dass sie die gesamte Situation positiv abspeichern konnte.)

Sowohl das Zauberwort als auch das Folgen hatten wir zuvor häufig an der Schleppleine geübt. Das war in dieser Situation nicht nur für Ninona, sondern auch für mich wichtig, denn so konnte ich durchgehend ruhig bleiben, weil ich mir sicher war, dass sie kommen und mir folgen würde. Jeder Anspannung in meinem Körper hätte sie sicherlich während des Folgens wieder von mir weg gedrückt.

Warum klassisch konditioniert?

Traditionell wird ein Rückruf operant konditioniert. Der Hund kommt und wird dafür belohnt. Deswegen kommt er häufiger. Operante Konditionierung findet zu einem großen Teil bewusst statt und ist mit einer Erwartung an den Hund verbunden.

  • Ist ein Hund durch Angst oder Stress bedingt im Fluchtmodus, ist er nur noch bedingt in der Lage, Signalworte bewusst wahrzunehmen und umzusetzen, denn der Fokus der Wahrnehmung liegt auf der Gefahr.
  • Jedes Gefühl einer zusätzlichen Erwartung an ihn löst außerdem noch weiteren Stress aus.
  • Hinzukommt, dass keine in Aussicht gestellte Belohnung als solche empfunden wird, wenn das Grundbedürfnis nach Sicherheit nicht gestillt ist.

Ein operant konditionierter Rückruf würde in der oben beschriebenen Situationen also im schlimmsten Fall noch zusätzlichen Stress und eine weitere Flucht auslösen.

Zauberwort: Versprechen statt Erwartung

Mein „Zauberwort“ – so hat es eine Kundin einmal liebevoll getauft – „Lilaleckerli“ dagegen wird klassisch konditioniert und löst bei meinem Hund dadurch

  • blitzartig schnell (und das ist bei Gefahr wichtig),
  • unterbewusst,
  • auch trotz Stress oder Angst
  • einen konditionierten Reflex und eine konditionierte Emotion aus,
  • ohne durch eine Erwartung Stress zu erzeugen, ….
  • …. weil es kein Befehl, sondern ein „Versprechen“ ist.

Folgen üben …

Auch das im Anschluss verwendete Folgeverhalten hatte ich zuvor über Freies Formen aufgebaut. Auch dieses hatte Ninona von Beginn an nie mit einer für sie stressauslösenden Erwartung oder Anforderung an sich verknüpft. Folgen war von Beginn an „ihre Idee“ und „ihre Entscheidung“ gewesen, die sich dann als erfolgreicher Weg zu einem Leckerli erwiesen hatte.

So war auch dieses Verhalten emotional nicht mit Überforderung, Stress und Angst verbunden, sondern mit Freiwilligkeit, Erfolgserlebnissen und Eigenkontrolle. Deswegen konnte ich es durch meine – ihr in diesem Zusammenhang bekannte – Körpersprache (Gehen von ihr weg mit leicht geöffneter Schulter) abrufen und sie in eine emotionale Situation versetzen, die ihr sofort eine entspannte Mitarbeit ermöglichte.

Stell dir einmal vor, ich hätte dasselbe Verhalten über Stachelhalsband und Leinenruck trainiert …. – welche Emotionen hätte ich dann damit verbunden? (Das würde ich natürlich niemals und bei keinem Hund machen!) Aber auch ein Training über Locken, Einladen oder Begrenzen wäre schon wieder mit einer für viele Angsthunde stressenden Erwartungshaltung verbunden gewesen.

Nicht nur das WAS, sondern auch das WIE

Dieses Beispiel zeigt, dass es nicht nur wichtig ist, was wir unseren Hunden beibringen, sondern auch wie wir es tun. Dazu ist es durchaus hilfreich, sich einmal mit Lerntheorien und Trainingstechniken und deren Anwendungsmöglichkeiten zu beschäftigen. Schließlich versuchen wir ja auch nicht, mit dem Schraubendreher einen Nagel in die Wand zu schlagen und mit dem Vorschlaghammer ein Loch ins Brett zu bohren.

Ihr verlangt von euren Hunden so viel. Sie sollen sich weitgehen einer artfremden Gesellschaft anpassen, eine Fremdsprache verstehen und viele hündische Verhaltensweisen ablegen. So viel, wie wir niemals irgendeinem anderen Tier zumuten würden! Und mit einer Selbstverständlichkeit, als müssten das Hunde eben so machen! Das tut mir oft in der Seele weh, aber das ist ein anderes Thema…

Aber seid doch im Gegenzug bereit, euch zumindest damit zu beschäftigen, wie ihr eurem Hund das Training für ein Leben in unserer anthroprozentrischen Gesellschaft möglichst leicht gestalten könnt. Das beinhaltet natürlich möglichst umfassende Kenntnisse über die Sprache und das Verhalten von Hunden, aber auch Wissen über Kommunikation und Lernen.